VELEN. Seit Oktober 2009 ist Dr. Christian Schulze Pellengahr (CDU) Bürgermeister von Velen. Am Sonntag, 25. Mai, stellt er sich zur Wiederwahl. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht. Die BZ-Redaktionsmitglieder Peter Berger und Josef Barnekamp sprachen mit dem gebürtigen Coesfelder über die vergangene Amtszeit, über seine Erfolge und Fehlschläge – und zukünftige Aufgaben.
Foto: Barnekamp"BZ: " Sie treten zur Wiederwahl als Bürgermeister an. Ist ein Wahlkampf ohne Mitbewerber nicht langweilig?
Schulze Pellengahr: Nein. Die Perspektive verändert sich nur. Statt sich mit anderen Kandidaten argumentativ auseinanderzusetzen, habe ich umso mehr Rechenschaft gegenüber den Bürgern abzulegen. Die kommen mit vielen gezielten Detailfragen auf mich zu. Sicherlich ist es für den Betrachter spannender, mehrere Sichtweisen, Temperamente, Charaktere miteinander zu vergleichen. Das ist diesmal eben nicht so.
"BZ: "Was war in Ihrer ersten Amtszeit Ihr größter Erfolg?
Schulze Pellengahr: Statt Erfolg sage ich lieber: die wichtigste Entscheidung. Das war die im Rahmen der Schulentwicklungsplanung beschlossene Sekundarschule. Wir haben uns für Beratungen, Versammlungen, Diskussionen, die Elternbefragung und deren Auswertung ausführlich Zeit genommen. Schön, dass dies alles am Ende in ein einstimmiges Votum des Rates mündete. Ich möchte nicht verhehlen, dass die Variante Teilstandort Gymnasium zunächst mein absoluter Favorit war. Das war eine interessante Perspektive. Es war wichtig, sie auszuloten. Was ebenso wichtig war, den Schulterschluss mit Heiden hinzubekommen.
"BZ: "Wie bewerten Sie den Start der Sekundarschule?
Schulze Pellengahr: Den Start selbst als gut. Wir hatten zuvor eine schwierige Gemengelage zu meistern. Ein Kompliment an das Kollegium, das sehr engagiert ist. In der selbstkritischen Rückschau hätten wir nach dem Beschluss aber noch intensiver informieren müssen. Fragen von Eltern, was denn nun die Unterschiede zwischen Sekundar- und Gesamtschule seien, reißen nicht ab. Unsere Hausaufgabe ist, da weiter geduldig aufzuklären. Der Sekundarschule wurde eine stabile Vierzügigkeit prognostiziert. Nun hat sie drei Züge. Das ist nicht schlecht, spiegelt aber nicht das Potenzial wider. Nicht wenige Eltern schicken ihr Kind wohl direkt zum Gymnasium. Von vielen Eltern der jetzigen Schüler höre ich aber, dass sie sehr, sehr zufrieden sind. Eine Super-Schule sei das, sagen sie. Wir müssen nun dafür sorgen, dass sich das noch mehr herumspricht.
"BZ: "Bilanz Ihrer ersten Amtszeit, zweiter Teil. Was war Ihr größter Fehlschlag?
Schulze Pellengahr: Da muss ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Es handelt sich nämlich um einen Beschluss aus dem nichtöffentlichen Teil. Bei einem Grundstücksgeschäft stimmte der Rat gegen den Verwaltungsvorschlag. Es ging darum, auf dem Hof Endejan ein Mehrgenerationen-Wohnen zu entwickeln, was aus meiner Sicht eine prima Perspektive darstellte. Die Mehrheit sah das anders. Ich habe dann ein paar Tage geschmollt. Aber dann war’s auch gut. Denn die Idee konzentriert sich inzwischen auf Gut Roß. Eine stetige Nutzung dort tut dringend not. Die Stadt kann kein Dauerzuschussgeber sein. Es ist spannend, ob wir das im Rahmen der Regionalplanung, Stichwort Bauen im Außenbereich, hinbekommen. Dass es ein Baustein im Regionale-Projekt ist, ist sicherlich hilfreich.
"BZ: "Sie kamen 2009 als Neuling und haben seitdem mit einigen langjährigen Kommunalpolitikern zu tun. Hat man Sie jemals spüren lassen, ein „Jungspund“ zu sein?
Schulze Pellengahr: Das habe ich nicht so erlebt. Im Rat ist die Streitkultur eigentlich sehr gut. Aus teils zähem Ringen entspringen gute Beschlüsse. Alle Fraktionen haben den nötigen Respekt untereinander und mir als demokratisch legitimierten Bürgermeister gegenüber natürlich auch.
"BZ: "Velen-Ramsdorf, Ramsdorf-Velen. Wie gestaltet sich zwischen diesen zwei „Polen“ Ihre Amtsführung?
Schulze Pellengahr: Indem man natürlich beiden Orten dieselbe Aufmerksamkeit widmet. Klar ist aber auch, dass man das, was in dem einen Ort realisiert wurde, nicht Eins zu Eins im anderen Ort installieren kann, zum Beispiel die alte Molkerei. Die Rivalität, die einst wohl herrschte, klingt heute nur noch in einem belustigten Unterton an.
"BZ: "Auf Ihr Betreiben wurde vor zwei Jahren aus der Gemeinde Velen-Ramsdorf eine Stadt. Hat sich dieses „Upgrade“ gelohnt?
Schulze Pellengahr: Eindeutig ja. Die Möglichkeit, sich Stadt zu nennen, lag auf dem Silbertablett da, und da galt es zuzugreifen. Es brachte überregionale Aufmerksamkeit. Mich fragten viele Kollegen, wie wir das denn hingekriegt haben. Es bringt zwar weder mehr Geld vom Land oder irgendwelche Vorrechte. Ich habe aber die begründete Vermutung, dass es für Unternehmer, die sich hier ansiedeln wollen, durchaus aus Imagegründen eine Rolle spielt, sich in einer Stadt anzusiedeln. Da lässt sich marketingmäßig was draus machen. Aber keine Angst: Der ländliche Charakter geht nicht über Bord. Die Stadtwerdungsfeier war übrigens eine Wucht. Davon sprechen viele Leute heute noch - in Velen und in Ramsdorf.
"BZ: "Dauerthema ist das Angebot an Geschäften. Mangelt es da an der Vielfalt?
Schulze Pellengahr: Das bekomme ich hin und wieder zu hören. Der Gutachter hat aber festgestellt, dass wir hier vergleichsweise gut dastehen. Ein Schuhmarkt in Velen beispielsweise wird wohl nicht herzulocken sein. Die Gewinnmargen sind für die Ketten einfach zu klein. Ich weiß nicht, wieviel Anbieter ich da abtelefoniert habe. Der Markt entscheidet, da können wir noch so viele Ratsbeschlüsse fassen. Anderes Beispiel: Drogeriemärkte. Nach der Schlecker-Pleite scheint der Markt durch zahlreiche Eröffnungen der einstigen Mitbewerber inzwischen weitgehend gesättigt. Oder Aldi, der in Ramsdorf schließt: Wenn ich mir die Gewerbesteuer ansehe, kann das Geschäft so schlecht nicht gelaufen sein. Der Handlungsspielraum für die Kommune gegenüber Konzernen ist leider sehr eng.
"BZ: "Praktisch gegenüber vom Rathaus ist Ihr Amtsvorgänger Ralf Groß-Holtick als Landsberg’scher Generalbevollmächtigter und damit in einflussreicher Position in Velen tätig. Wie gestaltet sich das Verhältnis?
Schulze Pellengahr: Es wäre vielleicht schwierig, wenn wir bei der Bürgermeisterwahl vor fünf Jahren gegeneinander angetreten wären. Aber dem war ja nicht so. Ich für meinen Teil kann von einem guten Miteinander berichten. Dass wir gelegentlich unterschiedliche Auffassungen haben, liegt in der Natur der Sache. Es gibt kein vermintes Gelände.
"BZ: "Von Velen nach Nordvelen: Wirds noch was aus dem Großprojekt Biogas-Anlage?
Schulze Pellengahr: Tja. Die Rückmeldung von den Akteuren lautet nach wie vor: großes Interesse. Wie aber der Gesetzgeber die Einspeisevergütung regelt, ist noch die große Frage. Erst wenn die im Sommer beantwortet ist, wird man wissen, ob die Anlage zu realisieren ist.
"BZ: "Hielte sich Ihre Trauer in Grenzen, wenn das Projekt scheitern würde?
Schulze Pellengahr: Warum sollte ich von Scheitern sprechen? Die Fragen der Anlieger sind zu klären. Da haben die Akteure noch Hausaufgaben zu erledigen. Wir müssen sicher sein, dass die Anlieger damit leben können und alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Generell finde ich die Überlegung sehr bedenkenswert, aus Gülle Biogas zu erzeugen und Phosphor als endlichen Rohstoff zurückzugewinnen.
"BZ: "Die Bocholter Aa, die durchs Stadtgebiet fließt, war mehrmals in kurzer Zeit durch verschiedene Einleitungen stark verschmutzt. Kann die Verwaltung das nur tatenlos hinnehmen?
Schulze Pellengahr: Ja und nein. Wenn jemand auf Gedeih und Verderb da was reinleitet, zum Beispiel einen Ölwechsel am Straßengulli macht, dann werden wir das nicht immer verhindern können. Wir können ja nicht Tag und Nacht danebenstehen. Wir werden aber verstärkt private Kanalanschlüsse für Schmutz- und Regenwasser überprüfen. Velen und Ramsdorf wären nicht die einzigen Orte, wo es eine Dunkelziffer an Falschanschlüssen gibt. Die gilt es zu korrigieren. Wenn dann ein ignoranter Zeitgenosse da was reinkippt, dann hätten wir das Zeug zwar in der Kläranlage, aber immerhin nicht mehr in der Aa.
"BZ: "Theater gab’s zuletzt auch um die DRK-Kita. Viele Velener haben die Diskussion als ziemliches Hin und Her empfunden. Können Sie die Aufregung verstehen?
Schulze Pellengahr: Da muss ich schmunzeln. Einerseits wird kritisiert, dass sowieso schon alles festgezurrt werde und es keine Entscheidungsspielräume gebe. Wenn aber andererseits erst mehrere Varianten ausführlich betrachtet werden, ist’s auch nicht recht. Mein Vorschlag in der Sitzung, nochmals nach Alternativen auch außerhalb des Schulgeländes zu suchen, war richtig, da der ursprüngliche Standort im Bestand der Sekundarschule – auch wegen der bevorstehenden Kommunalwahl – offenbar politisch nicht mehrheitsfähig war.
"BZ: "Was haben Sie in Ihrer zweiten Amtszeit vor?
Schulze Pellengahr: Ganz oben auf der Liste steht, die Stadt für junge Familien noch attraktiver zu machen. Die Betreuungszeiten, vor allem bei der Offenen Ganztagsgrundschule, müssen flexibler werden, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Ein weiterer Wunsch, die Erweiterung der Andreas-Bücherei, wird nach dem Beschluss des Rates von dieser Woche bald in Erfüllung gehen. Gewerbeansiedlungen stehen immer auf der Agenda, und vielleicht gibt es ja noch einen Kompromiss für einen Autobahn-Anschluss in Hochmoor. Bei den kommunalen Finanzen bleibt Schuldenfreiheit das oberste Gebot.
"BZ: "Was tun Sie, nachdem Sie den Rathausschlüssel umgedreht haben, abends oder vor dem Wochenende?
Schulze Pellengahr: Ich lasse mich von meiner Familie in Beschlag nehmen, und zwar sehr, sehr gerne.