CDU-Stadtverband Velen-Ramsdorf

360 Grad Jürgen Rüttgers

Borken. Manche Moderatoren heißen ja wie ihre Talkshows: Beckmann, Will, Maischberger. Bei Jürgen Rüttgers ist das ein bisschen anders: Erstens ist er kein Talkmaster, sondern Politiker. Wenn er Moderator wäre, dann wohl eher so einer wie der joviale Günther Jauch, nur ohne dessen Spickzettel. Rüttgers´ „Sendeformat“ müsste eigentlich „Rüttgers“ heißen, gestern Abend im Vennehof hieß es „Zuhör-Tour“.
Zeigte sich von allen Seiten: Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gestern Abend im Vennehof. (Foto: Berger)Zeigte sich von allen Seiten: Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gestern Abend im Vennehof. (Foto: Berger)

Der Ministerpräsident will wie zuvor schon in Bergkamen, Willich oder anderswo ganz Ohr sein, was NRW-Normalos von ihm wissen wollen. Die Bildung, Renten-Nullrunde, Bänker-Boni, Steuersünder, Staatsschulden, Mindestlöhne, Familienpolitik, Gesundheitsreform - das volle Programm.

Rüttgers steht nicht auf der Bühne, sondern mittendrin, 32 Scheinwerfer leuchten die Arena aus. Vorsorglich ist rundes Velour ausgelegt, damit die Hauptperson auf dem Vennehof-Parkett nicht ausrutscht. Rüttgers´ Redeanteil ist, gemessen an dem Titel der Veranstaltung („Zuhör-Tour“), recht hoch. Er schüttelt Antworten aus dem Ärmel, die er so schon zig Mal in die Mikrofone gesprochen hat. Bei Hartz IV sei eine „Grundrevision“ nötig. „Das ist so kompliziert, das versteht keiner mehr.“ Außerdem: „Wer arbeitet, muss mehr haben, als der, der nicht arbeitet.“ Neu ist das nicht, aber so direkt haben es die 300 Zuhörer vielleicht noch nie vernommen.

Zur Gesundheitsreform: Ja, aber nur mit Sozialausgleich. „Ich will keine Zwei-Klassen-Medizin.“ Die von Berlin angepeilte Bankenabgabe sei gut: Der Steuerzahler könne doch nicht zwei Mal die Zeche bezahlen. Die Neuverschuldung müsse bis zum Jahr 2020 auf Null sinken. Und wieder ein Satz, den Rüttgers mit „Es kann nicht sein“ beginnt: „Es kann nicht sein, dass eine Generation auf Kosten der nächsten lebt.“

Zum „Turbo-Abitur“ nach acht Jahren stehe er, antwortet er auf die Frage eines Juso-Vertreters im roten T-Shirt. Die Lehrpläne seien angepasst worden. „Es ist weniger Stoff in einem Jahr weniger.“ Und kleinere Klassen? Grundsätzlich ja, aber unter Finanzierungsvorbehalt. Einheitsschule? Nein. Rüttgers verweist - so viel Eigenlob muss sein - auf die 8000 Lehrerstellen, die in seiner Amtszeit bereits zusätzlich entstanden seien. „Übrigens: Ich find´s gut, dass Sie sich engagieren“, lobt der Landesvater den jungen SPD-Mann.

So sicher wie das Amen in der Kirche kommt die Frage nach der Sponsoring-Affäre. „Warum können Politiker nicht mal klar sagen, dass sie Mist gebaut haben?“, will ein Zuhörer in der ersten Reihe wissen. Rüttgers nimmt für seine Antwort beide Hände zu Hilfe: „Wir haben klar gesagt, es ist ein Fehler passiert.“ Termine gegen Geld habe es nicht gegeben. Punkt. Hendrik Wüst zolle er für seinen Rücktritt „großen Respekt“. Der Ex-Generalsekretär, in der dritten Reihe sitzend, quittiert´s mit dem Versuch eines freundlichem Lächelns.

Schließlich die Koalitionsaussage: „Ich möchte die jetzige Koalition fortsetzen“, erklärt Rüttgers auf Nachfrage aus dem Publikum. Die Linken gehörten nicht in den Landtag: „Da packt man sich doch an den Kopf, was die für einen Unsinn verzapfen.“

Genug geredet, genug zugehört. Das übliche Wahlkampf-Gedöns haben die Tour-Manager bei dem Eineinhalb-Stunden-Auftritt weggelassen, ja sogar die drei nicht unwichtigen Buchstaben C, D und U auf den Werbe-Plakaten.

Rüttgers kann´s auch ohne.